Chronische und rezidivierende Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit. Ein zentraler Faktor, der häufig übersehen wird, ist der Musculus multifidus – ein kleiner Muskel, der für die segmentale Stabilität der Wirbelsäule verantwortlich ist. Die nachfolgenden Abschnitte erläutern die biomechanische und neuromuskuläre Relevanz dieses Muskels, zeigen strukturelle Veränderungen bei Schmerzpatienten auf und geben evidenzbasierte Handlungsanweisungen für ein gezieltes Motor-Control-Training.
Warum der Musculus multifidus für die segmentale Wirbelsäulenstabilität unverzichtbar ist
Darüber schreiben wir in diesem Beitrag
Der Multifidus verläuft beidseitig entlang der Wirbelsäule und verbindet einzelne Wirbel miteinander. Anders als die großen Rückenmuskeln erzeugt er primär keine sichtbare Kraft, sondern stabilisiert die Wirbel bei jeder Körperbewegung. Diese Stabilisationsfunktion beruht auf einer antizipatorischen (feedforward) Aktivierung, die bereits vor der eigentlichen Extremitätenbewegung erfolgt.
Antizipatorische Voraktivierung bei gesunden Personen
- Elektromyographische Studien (Hodges & Richardson, 1997) zeigen, dass der Multifidus 30-110 ms vor einer aktiven Arm- oder Beinbewegung präaktiviert wird.
- Dieses Feedforward-Prinzip dient als Schutzmechanismus für die Wirbelsäule und ist bei gesunden Menschen konsistent nachweisbar.
Strukturelle Veränderungen bei Rückenschmerzen
- Bildgebende MRT- und CT-Studien (Seyedhoseinpoor et al., 2021) belegen eine signifikante Fettinfiltration des Multifidus mit einer Effektstärke von SMD = 0,61.
- Langzeitbeobachtungen ohne gezieltes Training (Hides et al., 1996) zeigen einen spontanen Querschnittsverlust von 0 % – die Muskelmasse regeneriert sich nicht von alleine.
- Die Veränderungen konzentrieren sich vor allem auf die unteren Lendenwirbel (L4-S1), einem biomechanisch stark belasteten Segment.
Motor-Control-Training gegenüber klassischen Kraftübungen
Während herkömmliche Kraftübungen vorrangig große Rückenmuskelgruppen wie Latissimus oder Trapez aktivieren, zielt das Motor-Control-Training gezielt auf die neuronale Voraktivierung und die strukturelle Wiederherstellung des Multifidus ab.
Langfristige Effekte des Stabilitätstrainings
- Eine klinische Langzeitstudie (Hides, Jull & Richardson, 2001) zeigte, dass Patienten mit einem ersten Schmerzereignis, die ein spezifisches Stabilisierungstraining absolvierten, nach einem Jahr eine Rezidivrate von 30 % im Vergleich zu 84 % ohne solches Training aufwiesen.
- Systematische Reviews (Saragiotto et al., 2016) bestätigen, dass gezielte Motor-Control-Übungen mindestens gleichwertig zu allgemeinem Fitnesstraining oder Yoga bei chronischen Rückenschmerzen sind.
Praktische Übungen für den Multifidus – 5-Übungen für zu Hause
Moderne Rehabilitationsprogramme setzen auf kontrollierte, koordinative Bewegungen, die die tiefe Rückenmuskulatur ansprechen, ohne große Lasten zu verwenden.
- Bird Dog – Vierfüßlerstand, gleichzeitig gegenüberliegenden Arm und Bein ausstrecken, Becken neutral halten. Häufiger Fehler: Becken dreht sich oder der Rücken geht ins Hohlkreuz.
- Dead Bug – Rückenlage, Arme und Beine anheben, dann abwechselnd einen Arm und das gegenüberliegende Bein senken, ohne dass der untere Rücken den Boden verlässt. Häufiger Fehler: Zu schnelle Ausführung, Verlust der Körperspannung.
- Swimming (Pilates) – Bauchlage, Arme und Beine leicht diagonal anheben, kontrollierte kleine Bewegungen ausführen. Häufiger Fehler: Übermäßiges Anheben von Armen und Beinen, statt ruhiger Aktivierung.
- Side Plank (Seitstütz) – Unterarm und Füße (oder Knie) als Stütze, Körper in einer geraden Linie halten. Häufiger Fehler: Absinken der Hüfte.
- Hip Hinge mit Besenstiel – Besenstiel über Hinterkopf, Brustwirbelsäule und Steißbein legen, Hüfte langsam nach hinten schieben, Kontakt zum Stab behalten. Häufiger Fehler: Rundrücken oder Hohlkreuz.
Empfohlene Trainingshäufigkeit: zwei bis drei kurze Sitzungen pro Woche. Die Qualität der Bewegung – langsame, kontrollierte Ausführung und ruhige Atmung – ist wichtiger als die reine Wiederholungszahl.
Trainingshäufigkeit und Qualität
- Der Multifidus benötigt keine schweren Gewichte; regelmäßige, präzise Aktivierung reicht aus.
- Kurze Einheiten (5-10 Minuten) mehrmals pro Woche fördern die neuronale Voraktivierung und verhindern strukturellen Verlust.
- Variabilität im Training (z. B. unterschiedliche Übungskombinationen) reduziert Drop-out-Raten, die bei monotonen Programmen häufig auftreten.
FAQ zum Musculus multifidus
Gelingt es dem Musculus multifidus, sich nach Schmerzabklingen von allein zu regenerieren?Klinische Langzeitstudien (Hides et al., 1996) zeigen, dass ohne gezieltes Training Muskelmasse und antizipatorische Kontrolle häufig nicht zurückkehren.Warum ist es so wichtig, den Multifidus gezielt zu trainieren – nicht nur den großen Rückenmuskel?Der Multifidus ist für die segmentale Stabilität verantwortlich und arbeitet über einen neuronalen Feedforward-Mechanismus, während große Muskeln primär Kraft erzeugen.Kann ich den Multifidus auch durch allgemeines Krafttraining wie Kniebeugen stärken?Bei schweren Oberkörperübungen übernehmen häufig oberflächliche Rückenstrecker die Arbeit; der Multifidus bleibt meist unbeeinflusst. Niedrigschwellige, koordinative Übungen wie Bird Dog oder Dead Bug aktivieren ihn gezielt.
Gegenpositionen und Risikobetrachtung
- Einige Studien sehen Motor-Control-Übungen in der Langzeitwirkung vergleichbar mit allgemeinem Fitnesstraining oder Yoga. Deshalb sollten Betroffene ein breites Bewegungsspektrum integrieren.
- Die Drop-out-Rate bei spezifischem Bewegungskontrolltraining kann höher sein, weil die Übungen als monoton empfunden werden. Motivierende Elemente (Partnerübungen, spielerische Varianten) können Abbruchraten senken.
Fazit
Der Musculus multifidus ist ein zentraler, wenn auch unsichtbarer Stabilisator der Wirbelsäule. Bildgebende Befunde zeigen, dass bei chronischen Rückenschmerzen sowohl strukturelle Veränderungen (Fettinfiltration, Querschnittsverlust) als auch ein funktionelles Feedforward-Defizit vorliegen. Evidenzbasierte Motor-Control-Übungen können diese Defizite gezielt adressieren, die Rezidivrate von Rückenschmerzen deutlich senken und langfristig die segmentale Stabilität wiederherstellen. Wer regelmäßig kontrollierte, koordinative Übungen in den Alltag integriert, stärkt nicht nur den Multifidus, sondern verbessert zudem das Körpergefühl und die alltägliche Bewegungsqualität – ein entscheidender Schritt hin zu nachhaltiger Rückengesundheit.




