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Fitness als Verhütung – Macht zu viel Sport Frauen unfruchtbar?

MeineFitness.net hat mit Medizinern gesprochen, um herauszufinden, ob der anhaltende Fitnesstrend vielleicht Gefahr für die Fruchtbarkeit von jungen Frauen darstellt.

  • Schwedische “Nord-Trøndelag” Studie mit 3887 Teilnehmerinnen zeigt: 5 bis 7 mal die Woche Sport machen bedeutet 3,2 mal häufiger Probleme mit der Fruchtbarkeit
  • Anscheinend sind nur schlanke Frauen betroffen. Die Fruchtbarkeit von übergewichtigen Frauen profitiert von jeglichem Sport.
  • “Ausdauersportarten mit hohem Energieverbrauch eher betroffen”, sagt Expertin Frau Dr. Wilkening
Der anhaltende Fitnesstrend hat bereits auch das schöne Geschlecht in seinen Bann gezogen. Eine rasant wachsende Industrie verdient daran immer mehr Geld. Die Fitnessstudio-Kette Miss Sporty hat heute rund 600 Filialen: im Vergleich zu 2005 eine Steigerung von über 700%! Bereits jetzt sind über 40% der Mitglieder in deutschen CrossFit Studios weiblich. Auch wir haben inzwischen Trainingspläne speziell für Frauen. Es gibt Nahrungsergänzungsmittelhersteller wie “FitnFemale”, welche sich auf die weibliche Zielgruppe spezialisiert haben. Die größte deutsche Instagrammerin Pamela Reif hat über 2,7 Millionen Follower und ist durch ihr Image als Fitness-Girl berühmt geworden.

Die negativen Seiten dieses Trends werden gerne totgeschwiegen.

In der Wissenschaft ist es schon länger bekannt, dass übermäßige sportliche Betätigung eine fatale Folge haben kann: verminderte Fruchtbarkeit.

Doch wie genau ist eigentlich die Studienlage dazu?

Studien belegen: Sport kann das Risiko der Unfruchtbarkeit um den Faktor 6,2 erhöhen!

In unseren Recherchen sind wir auf 14 Studien getroffen, welche einen negativen Einfluss von Sport auf die weibliche Fruchtbarkeit nahelegen. Wenn man die aktuelle Studienlage betrachtet, kristallisieren sich vier Punkte sehr deutlich heraus:

Die Anzahl der Tage Sport pro Woche haben einen Einfluss auf die Fruchtbarkeit.
Frauen, die fast jeden Tag trainieren, haben ein wesentlich höheres Risiko, unfruchtbar zu werden, als weniger aktive Frauen.
Je länger das Training dauert, desto höher ist das Risiko.
Studien haben gezeigt, dass über 60 Minuten Training schlecht für die Fruchtbarkeit von Frauen sind.
Die Intensität des Trainings gilt ebenfalls als ein wichtiger Faktor.
Frauen, die bis zur Erschöpfung oder einfach nur sehr intensiv trainieren, leiden öfter unter Unfruchtbarkeit.
Diese Regeln scheinen nur für schlanke Frauen zu gelten, nicht für Übergewichtige.
Wie kann es sein, dass übergewichtige Frauen von Sport profitieren und schlanke Frauen nicht? Die Erklärung ist denkbar einfach. Neben Sport und vielen anderen Faktoren, welche die Fruchtbarkeit von Frauen begünstigt oder schädigt ist der BMI ein weiterer, sehr wichtiger Einflussfaktor.
StudieTeilnehmerErgebnis
Green et al. (1986)346Über 60 Minuten am Tag eine Aktivität mit einem Kalorienverbrauch von 6 kcal/min brachte:

  • ein 6,2-fach erhöhtes Risiko, an Unfruchtbarkeit zu leiden
  • Zum Vergleich: Rudern verbraucht ca. 15 kcal/min, Sex ca. 5 kcal/min
Morris et al. (2006)2232Frauen, die 4 Stunden Sport pro Woche oder mehr betrieben, hatten:

  • 40 % unwahrscheinlicher eine Geburt
  • dreimal so wahrscheinlich einen Zyklusabbruch
  • zweimal so wahrscheinlich einen Schwangerschaftsabbruch
Gudmundsdottir, Flanders and Augestad (2009)3887
  • 5 bis 7 mal die Woche Sport: 3,2 mal häufiger Probleme mit der Fruchtbarkeit
  • bei sportlicher Belastung bis zur Erschöpfung: 2,3 mal häufiger Empfängnisprobleme
Gudmundsdottir, Flanders and Augestad (2011)3079Freizeitsport beeinflusst die Wahrscheinlichkeit eines irregulären Menstruationszyklus.

  • 20 bis 25jährige Frauen, die fast jeden Tag Sport machen, haben diesen 5 mal wahrscheinlicher.
  • 26 bis 30jährige nur 1,7 mal wahrscheinlicher
  • Je niedriger die Intensität, desto niedriger die Wahrscheinlichkeit eines irregulären Menstruationszyklus.
Wise et al. (2012)3628
  • Intensiv ausgeführter Sport schadet der Fruchtbarkeit schlanker Frauen, aber nicht der Fruchtbarkeit von übergewichtigen Frauen.
  • Moderat ausgeführter Sport ist gut für die Fruchtbarkeit schlanker Frauen.
Hakimi and Cameron (2016)Meta Studie
  • Mehr als 60 Minuten Sport pro Tag schadet der Fruchtbarkeit (von schlanken Frauen).
  • 30 bis 60 Minuten Sport hingegen begünstigen die Fruchtbarkeit.

Was sagen die Experten dazu?

Frau Dr. Wibke Wilkening, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe erklärt die verminderte Fruchtbarkeit mit einer Veränderung der Hormone: “Erhöhte sportliche Aktivität kann negativen Einfluss auf die Hormonachse zwischen Gehirn, Hypophyse und Ovar nehmen. In ausgeprägten Fällen kommt die Sekretion vollständig zum erliegen und der Zyklus bleibt aus.”

Auch Prof. Dr. Lutz Trojan, Direktor der Klinik für Urologie in Göttingen kennt das Problem mit dem gestörten Hormonhaushalt: “Vorangegangene Studien haben bereits über den möglichen Zusammenhang starker körperlicher Aktivität mit hormonellen Unregelmäßigkeiten und damit gestörter Fertilität berichtet. Ein erhöhtes Risiko an belastungsbedingten Frakturen lässt beispielsweise auf einen gestörten Hormonhaushalt bei Athletinnen rückschließen. Ebenso bekannt sind Störungen des Menstruationszyklus.”

Was könnte eine mögliche Ursache für die hormonellen Veränderungen sein? Herr Prof. Dr. Trojan und Frau Dr. Wilkening sind sich einig: “Bei normalgewichtigen Frauen zum Beispiel, welche ohne erhöhte Energiezufuhr ausgiebig trainieren, könnte sich dies negativ auf das Energie-Gleichgewicht auswirken und der Bedarf der für die Reproduktion notwendigen Faktoren somit nicht gedeckt werden” sagt Prof. Dr. Trojan. “Es ist ein bekanntes Phänomen, dass unterhalb eines – sicher individuell unterschiedlichen – Minimalgewichts der Körper im Sinne eines Selbsterhalts als erstes die reproduktive Funktion herunterfährt und schließlich abschaltet. Eine Schwangerschaft ist für einen Organismus ein belastender und Energie raubender Zustand, den sich der Körper bei einer Minimalversorgung nicht mehr leistet, sei es aufgrund einer Essstörung oder bei erhöhtem Verbrauch durch massiven Sport”, so Dr. Wilkening.

Auch der Berufsverband der Frauenärzte pflichtet auf seiner Internetseite den beiden Experten bei: “Fällt bei einer Frau der Körperfettanteil unter einen bestimmten Wert, produziert der Körper nicht mehr in ausreichendem Maße die Hormone, mit denen der Eisprung stimuliert wird. Der normale Menstruationszyklus bleibt dann aus. Die Unterernährung versetzt den Körper in eine Art Notzustand, in dem sämtliche Reserven für die Selbsterhaltung benötigt werden. Eine Schwangerschaft würde in dieser Situation die Gesundheit von Mutter und Baby ernsthaft gefährden. Daher lässt es der Körper in der Regel erst gar nicht dazu kommen und der Eisprung bleibt aus”.

Es ist also nicht unbedingt der Sport an sich, der die Fruchtbarkeit beeinflusst, sondern der gesteigerte aber nicht gedeckte Energiebedarf!

Welche Sportarten sind besonders gefährdet?

Frau Dr. Wilkening stellt eine Vermutung auf: “Vermutlich sind Ausdauersportarten mit hohem Energieverbrauch (z.B. exzessives Laufen, Marathon, etc.) eher betroffen als andere.” Also sind klassische Fitnessübungen wir Kreuzheben oder Kniebeugen weniger gefährlich.

Klare Aussagen, welche Sportarten gefährlicher für die weibliche Fruchtbarkeit sind, sind laut Prof. Dr. Trojan schwer zu treffen. Er verweist dabei auf das Ergebnis, dass die Intensität, mit der der Sport ausgeführt wird entscheidend ist: “Ergebnisse zur Subfertiität [Unfruchtbarkeit] beziehen sich auf extreme und häufige körperliche Aktivität, i.e. körperliche Aktivität bis zur Erschöpfung, hoher Aktivitäts-Index, fast täglich Sport”.

Wir fassen zusammen “Es kommt weniger auf die Sportart als auf die Intensität an. Das bedeutet: Wer zu häufig oder zu hart trainiert (oder schlimmer: beides zusammen), der setzt sich vermutlich einem nicht zu vernachlässigenden Risiko aus. Es ist schwer, allgemeingültige Aussagen zu treffen, aber die aktuelle Studienlage lässt darauf schließen, dass dreimal pro Woche bei mittlerer Intensität das Risiko schon deutlich einschränkt”.

Was sollten Frauen tun, damit sie nicht unfruchtbar werden?

  • Nicht bis zur absoluten Erschöpfung trainieren!
  • Nicht mehr als 3 mal die Woche trainieren!
  • Nicht länger als 60 Minuten am Tag trainieren!
  • Sowohl vor als auch nach dem Training genug essen, um den Energiebedarf zu decken!

Quellen

De Souza, M. J., Van Heest, J., Demers, L. M., & Lasley, B. L. (2003). Luteal phase deficiency in recreational runners: evidence for a hypometabolic state. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 88(1), 337-346.

Green, B. B., Daling, J. R., Weiss, N. S., Liff, J. M., & Koepsell, T. (1986). Exercise as a risk factor for infertility with ovulatory dysfunction. American journal of public health, 76(12), 1432-1436.

Gudmundsdottir, S. L., Flanders, W. D., & Augestad, L. B. (2009). Physical activity and fertility in women: the North-Trøndelag Health Study. Human Reproduction, 24(12), 3196-3204.

Gudmundsdottir, S. L., Flanders, W. D., & Augestad, L. B. (2011). A longitudinal study of physical activity and menstrual cycle characteristics in healthy Norwegian women–The Nord-Trøndelag Health Study. Norsk epidemiologi, 20(2).

Hakimi, O., & Cameron, L. C. (2016). Effect of Exercise on Ovulation: A Systematic Review. Sports Medicine, 1-13.

Loucks, A. B., Verdun, M., & Heath, E. M. (1998). Low energy availability, not stress of exercise, alters LH pulsatility in exercising women. Journal of Applied Physiology, 84(1), 37-46.

Loucks, A. B., De Souza, M. J., & Williams, N. I. (2007). Effects of lifetime exercise on the outcome of in vitro fertilization. Obstetrics & Gynecology, 109(2, Part 1), 456-457.

Olive, D. L. (2010). Exercise and fertility: an update. Current Opinion in Obstetrics and Gynecology, 22(4), 259-263.

Wise, L. A., Rothman, K. J., Mikkelsen, E. M., Sørensen, H. T., Riis, A. H., & Hatch, E. E. (2012). A prospective cohort study of physical activity and time to pregnancy. Fertility and sterility, 97(5), 1136-1142.

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